
863 Tonnen.
So viel Gold kauften die Zentralbanken der Welt allein im Jahr 2025 netto.
Im ersten Halbjahr 2026 kamen nach Schätzungen des World Gold Council weitere:
hinzu. World Gold Council
Man könnte diese Entwicklung einfach mit einem Satz zusammenfassen:
Zentralbanken kaufen Gold.
Aber Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat gerade erklärt, warum.
Und dieser Teil ist wesentlich interessanter.
Am 5. Oktober trat Nagel auf der Global Precious Metals Conference der London Bullion Market Association in Sorrent auf.
Das Thema seiner Grundsatzrede:
Geopolitik.
Geldpolitik.
Und:
Nagels Ausgangspunkt klingt zunächst nach klassischer Zentralbanksprache.
Zentralbanken benötigen Reserven.
Diese sollen drei Dinge leisten:
Liquidität.
Sicherheit.
Rendite. Bundesbank
Dann aber kommt er zu einem fundamentalen Unterschied.
Devisenreserven bestehen typischerweise zu einem erheblichen Teil aus:
Staatsanleihen,
Bankeinlagen,
Zentralbankguthaben
und anderen Forderungen.
Das heißt:
Auf der anderen Seite steht jemand, der eine Verpflichtung erfüllen muss.
Ein Staat muss seine Anleihe bedienen.
Eine Bank muss die Einlage zurückzahlen.
Nagel beschreibt den Unterschied zu Gold sehr präzise:
Physisches Gold ist nicht darauf angewiesen, dass ein Emittent oder Geschäftspartner eine Zahlungsverpflichtung erfüllt. Bundesbank
Das klingt technisch.
Ist aber ein fundamentaler Unterschied.
Genau deshalb kann Gold ein Reserveportfolio diversifizieren.
Seit einigen Jahren haben Zentralbanken ein Problem wiederentdeckt, das in den Jahrzehnten der Globalisierung weniger wichtig erschien.
Ein Vermögenswert kann wirtschaftlich solide sein.
Und trotzdem:
Nagel formuliert es klar.
Ausländische Wertpapiere und Einlagen können im Rahmen von Sanktionen eingefroren werden.
Bei physischem Gold, das eine Zentralbank im eigenen Land hält, besteht dieses konkrete Risiko nicht. Bundesbank
Und plötzlich bekommt die Frage:
Wo liegt mein Vermögen?
eine ganz andere Bedeutung.
Das war nicht immer so.
1950 machte Gold nach Nagels Darstellung zu damaligen Marktwerten fast:
70 %
der globalen Zentralbankreserven aus.
Nach dem Ende von Bretton Woods und mit wachsender Globalisierung änderte sich das.
Staatsanleihen boten attraktive Renditen.
Kapitalmärkte wurden internationaler.
Politische Zusammenarbeit nahm zu.
Devisenreserven wuchsen.
Gold verlor relativ an Bedeutung.
Bis 2009 sank sein Anteil auf ungefähr:
Damals schien Gold beinahe ein Relikt des alten Währungssystems.
Dann änderte sich die Welt erneut.
Nach der globalen Finanzkrise begannen Zentralbanken wieder netto Gold zu kaufen.
Besonders:
China.
Russland.
Später kamen zahlreiche weitere Schwellenländer hinzu.
Nagel nennt dafür mehrere Ursachen.
Niedrige Anleiherenditen reduzierten die Opportunitätskosten von Gold.
Geopolitische Risiken nahmen zu.
Und Sanktionen veränderten die Einschätzung von Devisenreserven. Bundesbank
Damit wurde eine alte Frage plötzlich wieder aktuell:
Seitdem hat Gold in den Zentralbankbilanzen enorm an Gewicht gewonnen.
2023:
rund 14 % der globalen Reserven.
2025:
fast 25 %. Bundesbank
Auf den ersten Blick könnte man meinen:
Die Zentralbanken hätten ihre Goldpositionen beinahe verdoppelt.
Aber genau hier wird Nagels Rede besonders interessant.
Denn er korrigiert diese Interpretation selbst.
Nagel rechnet vor:
Wäre der Goldpreis seit 2023 nicht gestiegen, wäre Golds Reserveanteil nicht auf 25 Prozent gestiegen.
Sondern auf:
Das ist eine bemerkenswerte Zahl.
Denn sie zeigt:
Die enorme Veränderung des Reserveanteils ist zum großen Teil:
Nicht nur ein Mengeneffekt.
Das muss man sauber voneinander trennen.
2025:
863 Tonnen netto.
Damit lag die Nachfrage zwar unter den jeweils mehr als 1.000 Tonnen der drei Vorjahre.
Aber immer noch fast doppelt so hoch wie der langfristigere Durchschnitt von 2010 bis 2021 mit:
473 Tonnen pro Jahr. World Gold Council
Und 2026 geht die Geschichte weiter.
Erstes Halbjahr:
345 Tonnen.
Zweites Quartal allein:
289 Tonnen. World Gold Council
Im August kamen nach den bereits veröffentlichten nationalen Daten weitere:
39 Tonnen Nettokäufe
hinzu. World Gold Council
Das ist kein theoretisches Interesse an Gold.
Es ist physische Nachfrage.
Und auch darüber spricht Nagel.
Gold zahlt:
Es verursacht:
Und seine positive Rendite hängt davon ab, dass sein Marktpreis steigt.
Genau deshalb waren Staatsanleihen während der 1980er- und 1990er-Jahre gegenüber Gold besonders attraktiv. Bundesbank
Diese Nachteile sind nicht verschwunden.
Im Gegenteil:
Die heutigen höheren Anleiherenditen verbessern die relative Attraktivität von Bonds wieder.
Und trotzdem glaubt Nagel, dass Gold als Reserve weiter gefragt bleiben dürfte.
Warum?
Je höher die Staatsverschuldung steigt, desto relevanter wird eine andere Frage:
Eine Staatsanleihe kann fünf Prozent Rendite zahlen.
Aber diese fünf Prozent existieren, weil jemand auf der anderen Seite Schulden aufgenommen hat.
Gold zahlt nichts.
Aber:
Niemand schuldet einem Goldbarren seine Rückzahlung.
Das ist der entscheidende Gegensatz.
Beide erfüllen andere Aufgaben.
Staatsanleihen können:
laufende Erträge liefern,
hoch liquide sein,
als Sicherheiten dienen,
und in vielen Situationen ausgesprochen wertstabil sein.
Gold kann dagegen:
keinen Kupon zahlen,
deutlich im Preis schwanken,
und Lagerkosten verursachen.
Deshalb ist der interessante Begriff nicht:
Sondern:
Trotz wieder höherer Anleiherenditen.
Trotz Goldpreisschwankungen.
Trotz Lagerkosten.
Sein Fazit lautet:
„Insgesamt spricht nach wie vor viel für eine weitere Diversifizierung in Richtung Gold.“ Bundesbank
Das ist keine Kaufempfehlung für Privatanleger.
Aber es ist eine sehr klare Aussage über die Funktion von Gold in einem Reserveportfolio.
Der World Gold Council fragte 2026 die Reserveverwalter von Zentralbanken.
Das Ergebnis:
erwarten, dass die weltweiten Zentralbank-Goldreserven in den nächsten zwölf Monaten steigen.
Und rekordhohe:
erwarten höhere Goldbestände bei der eigenen Institution. World Gold Council
Das ist besonders bemerkenswert, weil die Goldpreise bereits außergewöhnlich hoch waren.
Die Zentralbanken kaufen also nicht nur, wenn Gold billig erscheint.
Sie verfolgen offensichtlich eine strategischere Überlegung.
Hier findet sich übrigens ein Fehler im BÖRSE-ONLINE-Artikel.
Dort werden mehr als 3.500 Tonnen genannt.
Die offiziellen Zahlen der Bundesbank lauten:
Davon lagen Ende 2025:
1.710 Tonnen in Frankfurt
1.236 Tonnen in New York
404 Tonnen in London. Bundesbank Publikationen
Der Marktwert dieser Goldreserven lag Ende 2025 bei rund:
395 Milliarden Euro.
Auch das zeigt die Dimension.
Man sollte Zentralbanken nicht einfach kopieren.
Ihre Aufgaben unterscheiden sich fundamental von denen eines Privathaushalts.
Eine Zentralbank muss:
Währungsreserven verwalten,
Liquidität bereitstellen,
Krisen bewältigen,
gegebenenfalls am Devisenmarkt intervenieren.
Ein privater Anleger hat andere Ziele.
Aber die zugrunde liegende Frage ist überraschend ähnlich:
Eine Aktie hängt von einem Unternehmen ab.
Eine Anleihe von einem Schuldner.
Ein Bankguthaben von einer Bank und dem entsprechenden Rechtsrahmen.
Eine Immobilie von einem Grundstück, einem Rechtssystem und einem Standort.
Physisches Gold:
von seinem eigenen physischen Bestand und Marktwert.
Nicht:
Alles in Gold.
Sondern:
Physisches Gold erfüllt eine andere Funktion als:
ein ETF,
eine Staatsanleihe,
eine Aktie,
ein Bankkonto.
Und genau diese Unterschiedlichkeit kann Diversifikation wertvoll machen.
Nagel redet nicht abstrakt über irgendeinen Goldpreis.
Er spricht ausdrücklich über:
Denn das Argument des fehlenden Emittenten- beziehungsweise Geschäftspartnerrisikos funktioniert nur dann vollständig, wenn tatsächlich physisches Metall vorhanden ist und die Eigentums- und Verwahrstruktur klar ist.
Eine bloße Forderung auf Gold ist wiederum:
eine Forderung.
Und damit sind wir bei einem der zentralen Prinzipien von Spargold:
Nicht:
„Gold steigt.“
Nicht:
„Zentralbanken kaufen.“
Und auch nicht:
„Der Dollar verschwindet.“
Sondern:
Das ist kein Widerspruch.
Es ist Risikomanagement.
Und vielleicht erklärt genau das besser als jede Goldpreisprognose, warum Gold nach Tausenden von Jahren noch immer in den Tresoren moderner Zentralbanken liegt.
Gold muss nichts versprechen.
Es muss nur:
Bleiben Sie weitsichtig.
Ihr
Helge Peter Ippensen