Zentralbanken kaufen 321 Tonnen Gold – bei 201 Tonnen bleiben die Käufer unbekannt

321 Tonnen Gold – und bei rund 201 Tonnen kennen wir die Käufer nicht
321 Tonnen Gold.
So viel kauften Zentralbanken und andere offizielle Institutionen allein im dritten Quartal 2026.
42 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Deutlich mehr als der Fünfjahresdurchschnitt.
Und trotzdem ist das noch nicht die bemerkenswerteste Zahl.
Die lautet:
120 Tonnen.
Denn nur ungefähr 120 Tonnen waren als Nettozukäufe einzelner Zentralbanken offiziell gemeldet.
Die Differenz:
rund 201 Tonnen.
Oder ungefähr:
63 Prozent der gesamten geschätzten Zentralbanknachfrage.
Bei fast zwei Dritteln wissen wir damit derzeit nicht eindeutig, welche Zentralbanken dahinterstehen.
Das ist wesentlich interessanter als die Schlagzeile, Zentralbanken hätten einfach nur den gefallenen Goldpreis zum Einstieg genutzt.
Zuerst die Größenordnung
Der World Gold Council hat heute seinen Gold Demand Trends Report für das dritte Quartal veröffentlicht.
Zentralbanknachfrage:
321,2 Tonnen.
Vor einem Jahr:
226,3 Tonnen.
Damit:
+42 Prozent.
Der Fünfjahresdurchschnitt liegt bei:
227 Tonnen pro Quartal.
Und seit Jahresbeginn haben Zentralbanken bereits:
675 Tonnen
Gold gekauft.
Das sind sechs Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Gold ist für Reserveverwalter also keineswegs plötzlich uninteressant geworden.
Ganz im Gegenteil.
Aber was sind die 120 Tonnen?
Hier wird es spannend.
Der World Gold Council unterscheidet zwischen:
offiziell gemeldeten Käufen
und:
der geschätzten tatsächlichen Zentralbanknachfrage.
Für Q3 wurden auf Länderebene Nettozukäufe von ungefähr:
120 Tonnen
gemeldet.
Die gesamte geschätzte Nachfrage betrug:
321 Tonnen.
Damit bleiben rechnerisch rund:
201 Tonnen
übrig.
Der WGC spricht von „unreported activity“.
Das bedeutet nicht automatisch:
geheime Käufe.
Ein Teil kann schlicht später gemeldet werden.
Andere Zentralbanken veröffentlichen ihre Aktivitäten nicht vollständig.
Aber das Ergebnis bleibt bemerkenswert:
Die offiziellen Länderstatistiken zeigen nur einen Teil der tatsächlichen Zentralbanknachfrage.
Wer sind die bekannten Käufer?
Ganz vorne:
China: +63 Tonnen.
Danach:
Polen: +40 Tonnen.
Zusammen entfielen auf beide ungefähr 86 Prozent aller gemeldeten Nettozukäufe.
Kasachstan:
+14 Tonnen.
Usbekistan:
+14 Tonnen.
Auch die Tschechische Republik setzte ihre längerfristige Aufstockungsstrategie fort.
Besonders interessant ist, was China und Polen nicht getan haben
Sie haben nicht erst begonnen Gold zu kaufen, nachdem der Preis gefallen war.
Beide Länder bauen ihre Reserven bereits seit längerer Zeit aus.
Und zwar auch zu Preisen, die historisch betrachtet ausgesprochen hoch waren.
Der durchschnittliche Goldpreis lag im dritten Quartal bei:
4.262 Dollar je Feinunze.
23 Prozent höher als ein Jahr zuvor.
Wer behauptet, Zentralbanken würden Gold nur kaufen, weil es gerade zum Schnäppchen geworden sei, hat deshalb ein Problem:
Gold war auch im dritten Quartal historisch teuer.
Und trotzdem wurde gekauft.
Warum kaufen Zentralbanken dann?
Der World Gold Council nennt vor allem:
Diversifikation.
Und:
Risikomanagement.
Das klingt unspektakulär.
Ist aber fundamental.
Eine US-Staatsanleihe ist eine Forderung gegenüber dem amerikanischen Staat.
Eine europäische Staatsanleihe ist eine Forderung gegenüber einem europäischen Staat.
Ein Bankguthaben ist eine Forderung gegenüber einer Bank.
Physisches Gold dagegen ist:
keine Forderung gegenüber einem Schuldner.
Es besitzt andere Risiken.
Der Preis schwankt.
Gold zahlt keine Zinsen.
Verwahrung kostet Geld.
Aber das Gegenparteirisiko ist strukturell anders.
Genau deshalb ist die Entwicklung geopolitisch interessant
Seit der Finanzkrise, den Sanktionen gegen Russland und der zunehmenden geopolitischen Blockbildung beschäftigen sich Zentralbanken stärker mit der Frage:
Wie abhängig sollen unsere Reserven vom Finanzsystem anderer Staaten sein?
Gold liefert darauf keine perfekte Antwort.
Aber eine besondere.
Ein physischer Goldbestand ist keine Zahlungszusage eines fremden Staates.
Und deshalb besitzt er für Reserveverwalter eine Funktion, die über die Frage hinausgeht:
Steigt Gold nächste Woche?
Bedeutet das, dass der Preis für Zentralbanken egal ist?
Nein.
Auch Zentralbanken kaufen nicht blind.
Der WGC weist ausdrücklich darauf hin, dass niedrigere durchschnittliche Preise und eine geringere Volatilität im zweiten und dritten Quartal zusätzliche Käufe begünstigt haben könnten.
Das ist logisch.
Wenn eine Zentralbank ohnehin 50 Tonnen kaufen möchte, interessiert sie sehr wohl, ob sie dafür durchschnittlich 4.000 oder 5.000 Dollar je Unze bezahlt.
Aber der entscheidende Punkt lautet:
Der Preis bestimmt möglicherweise das Tempo.
Die Strategie bestimmt die Richtung.
Das ist etwas völlig anderes.
Und derzeit bewegt sich der Preis gegen diese Strategie
Heute fiel Gold zeitweise auf rund:
3.893 Dollar je Feinunze.
Vom Januarhoch sind damit grob:
29 Prozent
verschwunden.
Das ist keine kleine Korrektur.
Es ist ein erheblicher Preisrückgang.
Und genau deshalb ist die momentane Situation so interessant:
Zentralbanken kaufen.
Gold fällt trotzdem.
Warum?
Weil Zentralbanken nicht der gesamte Markt sind.
Gold reagiert kurzfristig auf:
US-Zinsen.
Realrenditen.
Dollar.
Ölpreise.
Inflationserwartungen.
Futures-Positionierung.
Liquiditätsbedarf.
ETF-Ströme.
Geopolitik.
Und sehr unterschiedliche Anlegergruppen.
Eine strukturell starke Käufergruppe kann einen Preisrückgang abfedern.
Sie kann ihn aber nicht zwingend verhindern.
Das sehen wir auch bei Privatanlegern
Die weltweite Nachfrage nach Barren und Münzen fiel im dritten Quartal auf:
268 Tonnen.
Das waren:
19 Prozent weniger
als ein Jahr zuvor.
Der World Gold Council erklärt dies unter anderem damit, dass private Käufer auf eine klarere Preisrichtung warteten.
Das ist bemerkenswert.
Der Preis fällt.
Und viele Privatanleger werden:
vorsichtiger.
ETF-Anleger reagieren genau andersherum
Physisch besicherte Gold-ETFs verzeichneten im dritten Quartal Zuflüsse von:
211 Tonnen.
Damit erreichten ihre weltweiten Bestände:
4.256 Tonnen.
Ein Rekord.
In Dollar ausgedrückt flossen:
31 Milliarden Dollar
in nur drei Monaten in Gold-ETFs.
Ebenfalls ein Rekord.
Wir haben also gleichzeitig:
Privatanleger, die abwarten.
ETF-Investoren, die kaufen.
Zentralbanken, die kaufen.
Futures-Anleger, die teilweise verkaufen.
Und einen fallenden Goldpreis.
Der Goldmarkt besitzt keine gemeinsame Meinung
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lektionen.
Wenn wir lesen:
„Anleger verkaufen Gold“
oder:
„Investoren kaufen Gold“,
ist das meistens viel zu grob.
Welcher Anleger?
Ein chinesischer Privathaushalt?
Ein amerikanischer Hedgefonds?
Eine europäische Versicherung?
Die polnische Zentralbank?
Ein Gold-ETF?
Ein Futures-Trader?
Alle handeln aus völlig unterschiedlichen Gründen.
Zentralbanken haben ihren Plan sogar angekündigt
Im Juni fragte der World Gold Council 76 Reserveverwalter nach ihren Erwartungen.
Das Ergebnis:
89 Prozent
erwarteten, dass die weltweiten Zentralbank-Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten steigen würden.
Und:
45 Prozent
erwarteten, ihre eigenen Goldbestände zu erhöhen.
So viele wie nie zuvor in dieser Umfrage.
Die Käufe des dritten Quartals passen erstaunlich gut zu diesen Aussagen.
Und die Strategie könnte weitergehen
Nach den überraschend starken Käufen im dritten Quartal hat der World Gold Council seine Erwartung für das Gesamtjahr angehoben.
Die Zentralbanknachfrage dürfte 2026 inzwischen mindestens das Niveau von 2025 erreichen.
Das wäre bemerkenswert.
Denn es würde bedeuten:
Nicht einmal ein Goldpreis von zeitweise mehr als 5.000 Dollar hat die strategische Nachfrage beendet.
Heißt das jetzt: Gold muss wieder steigen?
Nein.
Das wäre genau der falsche Schluss.
Die Zentralbanknachfrage ist ein fundamentaler Faktor.
Aber kurzfristige Preisentwicklung und langfristige Nachfrage sind nicht dasselbe.
Derzeit sprechen hohe US-Renditen und ein stärkerer Dollar gegen Gold.
Der Markt hält eine weitere Zinserhöhung der Federal Reserve im Dezember für wahrscheinlich.
Für Gold bedeutet das:
höhere Opportunitätskosten.
Die DZ Bank sieht trotzdem Comeback-Potenzial
Sie erwartet nach einem möglicherweise letzten US-Zinsschritt Ende 2026 eine Entspannung.
Ihre Prognose:
Jahresende 2026:
rund 4.300 Dollar.
Erstes Halbjahr 2027:
rund 4.600 Dollar.
Auf Zwölfmonatssicht:
rund 5.000 Dollar.
Ein Argument dabei:
die anhaltende Zentralbanknachfrage.
Das kann eintreten.
Muss es aber nicht.
Eine Prognose ist:
keine Tatsache.
Für mich liegt die wichtigere Erkenntnis an einer anderen Stelle
Zentralbanken versuchen offenbar nicht, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu finden.
Sie versuchen:
ihre Reservestruktur zu verändern.
Das ist ein fundamental anderer Ansatz.
Die Frage lautet für sie weniger:
„Wo steht Gold Weihnachten?“
Sondern eher:
„Wie sollen unsere Reserven in zehn Jahren zusammengesetzt sein?“
Darin steckt auch eine interessante Lektion für private Vermögen
Nicht:
„Mach es wie die Zentralbank.“
Eine Zentralbank verfolgt völlig andere Ziele als ein Privatanleger.
Aber:
Preis und Funktion eines Vermögenswertes sollte man auseinanderhalten.
Gold kann 30 Prozent fallen.
Seine Funktion als nicht verzinster physischer Vermögenswert ohne korrespondierenden Schuldner verändert sich dadurch nicht.
Der Marktpreis schon.
Vielleicht ist deshalb die eigentliche Geschichte nicht:
„Zentralbanken kaufen den Dip.“
Sondern:
Zentralbanken diversifizieren – unabhängig vom kurzfristigen Goldpreis.
Wenn der Preis niedriger ist, kaufen sie womöglich etwas schneller.
Aber ihre strategische Entscheidung scheint wesentlich tiefer zu reichen.
Und dann bleibt noch diese Zahl:
201 Tonnen.
So groß ist ungefähr die Differenz zwischen der vom WGC geschätzten Zentralbanknachfrage und den offiziell gemeldeten Nettozukäufen.
Wir wissen:
Gold wurde gekauft.
Wir wissen nur noch nicht vollständig:
von wem.
Bleiben Sie weitsichtig.
Ihr
Helge Peter Ippensen
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