35 US-Dollar je Feinunze.
Zu diesem Preis konnten ausländische Zentralbanken ihre Dollarreserven einst gegen Gold eintauschen.
Am 15. August 1971 setzte US-Präsident Richard Nixon diese Einlösbarkeit aus.
„Vorübergehend“.
Sie kehrte nie zurück.
55 Jahre später, am 21. August 2026, überschritt Gold zeitweise 4.600 US-Dollar je Feinunze.
Das entspricht nominal mehr als dem 130-Fachen des damaligen offiziellen Goldpreises.
Aber daraus zu schließen, Gold sei einfach um diesen Faktor „wertvoller geworden“, wäre zu einfach.
Die Geschichte ist komplizierter.
1971 existierte für amerikanische Bürger längst keine allgemeine Einlösbarkeit ihrer Dollar in Gold mehr.
Bretton Woods war ein internationales Währungssystem.
Andere Währungen waren grundsätzlich an den Dollar gekoppelt. Der Dollar wiederum war für ausländische Währungsbehörden zu einem offiziellen Preis von 35 Dollar je Feinunze in Gold konvertierbar.
Der Dollar bildete damit das Zentrum des internationalen Währungssystems.
Und Gold begrenzte letztlich das Versprechen hinter diesem Dollar.
Solange die Weltwirtschaft wuchs, benötigte sie zusätzliche Dollar.
Diese Dollar gelangten durch amerikanische Ausgaben, Investitionen und Defizite ins Ausland.
Damit entstand ein grundlegender Widerspruch.
Die Welt brauchte Dollar als internationale Reservewährung.
Je mehr Dollar jedoch außerhalb der USA existierten, desto schwieriger wurde es für die Vereinigten Staaten, das Versprechen aufrechtzuerhalten, diese Dollar zu 35 Dollar je Feinunze gegen ihre begrenzten Goldreserven einzutauschen.
Dieses Problem wurde als Triffin-Dilemma bekannt.
In den 1960er-Jahren verschärfte sich die Situation.
Die USA finanzierten hohe Staatsausgaben, den Vietnamkrieg und Sozialprogramme. Gleichzeitig stieg die Inflation.
Immer mehr Dollar trafen auf einen begrenzten amerikanischen Goldbestand.
Irgendwann wurde die entscheidende Frage gestellt:
Was passiert, wenn tatsächlich alle ihre Dollar gegen Gold tauschen wollen?
Nixon reagierte.
Am Abend des 15. August verkündete er ein umfangreiches wirtschaftspolitisches Programm.
Ein Bestandteil war historisch besonders folgenreich:
Die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold wurde ausgesetzt.
Damit begann das Ende des Bretton-Woods-Systems. 1973 gingen die großen Währungen schließlich weitgehend zu flexiblen Wechselkursen über.
Von nun an existierte keine feste Goldmenge mehr, gegen die ausländische Zentralbanken ihre Dollarreserven eintauschen konnten.
Der Dollar blieb.
Das Einlösungsversprechen verschwand.
Genau hier wird die Geschichte interessant.
Man hätte erwarten können, dass Gold mit dem Ende seiner formalen monetären Funktion an Bedeutung verliert.
Das Gegenteil geschah.
Gold wurde vom offiziellen Anker des Währungssystems zu einem frei gehandelten Vermögenswert.
1971: 35 Dollar offizieller Goldpreis.
Heute: mehr als 4.600 Dollar am Markt.
Aber dieser Vergleich benötigt eine entscheidende Einschränkung.
Nominal stimmt die Größenordnung.
Ökonomisch erzählt sie jedoch nur einen Teil der Geschichte.
Zwischen 1971 und 2026 liegen 55 Jahre Inflation, Wirtschaftswachstum, Veränderungen der Geldmenge, Zinszyklen, Finanzkrisen, geopolitische Konflikte und eine massive Ausweitung der globalen Finanzmärkte.
4.600 Dollar des Jahres 2026 besitzen selbstverständlich nicht dieselbe Kaufkraft wie 4.600 Dollar des Jahres 1971.
Deshalb ist der Vergleich nicht als Renditeberechnung interessant.
Interessant ist etwas anderes:
Die Maßeinheit hat sich verändert.
Gold ist Gold geblieben.
Der Dollar von 2026 ist monetär nicht mehr derselbe Dollar wie unter Bretton Woods.
Noch bemerkenswerter ist, was Zentralbanken heute tun.
Sie halten weiterhin große Goldbestände.
2025 kauften Zentralbanken netto rund 863 Tonnen Gold.
Und 2026 geht die Entwicklung weiter.
Nach den jüngsten Daten des World Gold Council beliefen sich die Nettokäufe der Zentralbanken allein im zweiten Quartal auf 289 Tonnen.
Das waren rund 62 Prozent mehr als im zweiten Quartal des Vorjahres und ein Rekordwert für ein zweites Quartal.
Gold wurde also vor 55 Jahren aus seiner festen Verbindung zum Dollar gelöst.
Die Zentralbanken haben es deshalb keineswegs aufgegeben.
Gold besitzt eine Eigenschaft, die sich seit 1971 nicht verändert hat.
Eine Staatsanleihe ist eine Forderung gegenüber einem Staat.
Eine Bankeinlage ist eine Forderung gegenüber einer Bank.
Eine Währung ist letztlich Teil eines von Institutionen getragenen Geldsystems.
Physisches Gold dagegen ist keine Forderung gegenüber einem anderen.
Es besitzt keinen Emittenten, der das Versprechen erfüllen muss.
Gerade in einer Welt zunehmender Staatsverschuldung, geopolitischer Fragmentierung und finanzieller Sanktionen bekommt diese Eigenschaft erneut strategische Bedeutung.
Nein.
Dafür gibt es derzeit keine belastbaren Anzeichen.
Auch die starken Goldkäufe der Zentralbanken bedeuten nicht, dass Dollar oder Euro kurz vor ihrer Ablösung stehen.
Der US-Dollar bleibt die dominierende internationale Reservewährung.
Gold erfüllt eine andere Funktion.
Gerade deshalb sollte man mit spektakulären Berechnungen vorsichtig sein, nach denen ein neuer Goldstandard automatisch Goldpreise von 10.000, 20.000 oder noch mehr Dollar erfordern würde.
Solche Szenarien lassen sich mathematisch konstruieren.
Eine Prognose sind sie nicht.
Die eigentliche Lehre des Nixon-Schocks liegt nicht darin, dass wir unmittelbar vor einem neuen Goldstandard stehen.
Sie ist grundsätzlicher.
Monetäre Ordnungen sind keine Naturgesetze.
Sie funktionieren, solange ihre politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen funktionieren.
Bretton Woods erschien nach dem Zweiten Weltkrieg als neue internationale Ordnung.
27 Jahre nach seiner Gründung begann es auseinanderzubrechen.
Der Dollar überlebte den Systemwechsel und blieb die wichtigste internationale Währung.
Und Gold?
Auch Gold überlebte.
Nicht mehr als festgeschriebener monetärer Anker, sondern als frei bewertetes Reserve- und Anlagegut.
Nixon konnte 1971 die Verbindung zwischen Dollar und Gold beenden. Die monetäre Bedeutung von Gold konnte er damit nicht beenden.
Vielleicht ist deshalb nach 55 Jahren nicht die Entwicklung von 35 auf mehr als 4.600 Dollar die interessanteste Zahl.
Sondern die Tatsache, dass Zentralbanken im Jahr 2026 immer noch Hunderte Tonnen Gold kaufen.
Bleiben Sie weitsichtig
Ihr Helge Peter Ippensen