
1935 schrieb Ernest Hemingway einen Satz, der heute wieder tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt wird.
Sinngemäß:
Inflation sei das erste vermeintliche Wundermittel eines schlecht geführten Landes.
Krieg das zweite.
Beide könnten kurzfristig Wohlstand vortäuschen – langfristig aber ruinös wirken.
Die erste Frage sollte bei solchen Zitaten immer lauten:
Diesmal lautet die Antwort:
Der Satz stammt aus Hemingways Essay „Notes on the Next War: A Serious Topical Letter“, veröffentlicht im September 1935 im Esquire.
Und damit wird die Geschichte wesentlich interessanter.
Der Erste Weltkrieg lag gerade einmal 17 Jahre zurück.
Europa hatte Inflation, Hyperinflation, Wirtschaftskrise und politische Radikalisierung erlebt.
Deutschland war bereits nationalsozialistisch.
Italien faschistisch.
Hemingway hatte den Ersten Weltkrieg selbst erlebt und schrieb seinen Text als eindringliche Warnung vor einem neuen europäischen Krieg.
Vier Jahre später begann der Zweite Weltkrieg.
Sein Satz war deshalb keine abstrakte volkswirtschaftliche Theorie.
Er war:
Überraschend interessant.
Denn Inflation verändert nicht nur Preise.
Sie verändert auch:
Nehmen wir einen Staat, der sich 100 Milliarden Euro geliehen hat.
Die Schulden bleiben nominal:
100 Milliarden.
Steigt das allgemeine Preisniveau jedoch erheblich, sinkt der reale Wert dieser 100 Milliarden.
Der Staat zahlt dieselben Euro zurück.
Aber diese Euro besitzen weniger Kaufkraft.
Das ist der zentrale Mechanismus.
Der Staat besitzt:
Schulden.
Ein Anleger besitzt:
die Forderung darauf.
Unerwartete Inflation verschiebt realen Wohlstand vom Gläubiger zum Schuldner.
Der IMF hat diesen Effekt untersucht.
Inflationsschocks können die öffentliche Schuldenquote zunächst reduzieren.
Nominale Staatseinnahmen steigen.
Ausgaben reagieren teilweise verzögert.
Und bereits bestehende nominale Schulden verlieren real an Wert.
Das funktioniert allerdings nur begrenzt.
Wenn Gläubiger dauerhaft mit fünf Prozent Inflation rechnen, verleihen sie einem Staat nicht weiterhin Geld zu zwei Prozent.
Sie verlangen:
höhere Zinsen.
Damit steigen die Finanzierungskosten.
Ausgaben passen sich an.
Löhne werden neu verhandelt.
Verträge verändern sich.
Der anfängliche Vorteil verschwindet.
Genau deshalb ist Inflation kein kostenloser Weg, Staatsschulden loszuwerden.
Das macht sein Wort „temporary“ so interessant.
Kurzfristig kann eine Volkswirtschaft nominal größer aussehen.
Umsätze steigen.
Steuereinnahmen steigen.
Löhne steigen irgendwann ebenfalls.
Vermögenspreise können steigen.
Aber entscheidend ist nicht:
Sondern:
Das ist der Unterschied zwischen nominalem und realem Wohlstand.
Die deutsche Inflationsrate lag im September 2026 bei:
Im Euroraum:
Besonders Energie trieb die Preise.
Natürlich folgt daraus nicht:
Die Inflation sei bewusst erzeugt worden.
Diese Behauptung wäre unseriös.
Kriege, Energiepreise, Lieferketten, Geldpolitik, Fiskalpolitik, Lohnentwicklung und Erwartungen können inflationäre Entwicklungen beeinflussen.
Aber für den privaten Haushalt bleibt das Ergebnis zunächst gleich:
Doch Inflation wirkt kumulativ.
Angenommen, das Preisniveau steigt zehn Jahre lang jedes Jahr um durchschnittlich drei Prozent.
Dann kostet etwas, das heute 100 Euro kostet, nach zehn Jahren ungefähr:
Das bedeutet nicht, dass man automatisch 34 Prozent ärmer geworden ist.
Einkommen und Vermögen können ebenfalls steigen.
Aber Bargeld, das einfach unverändert liegen bleibt, verliert real an Kaufkraft.
Und genau deshalb ist Inflation für Sparer relevant.
Hier muss man noch vorsichtiger sein.
Kriege können die gemessene Wirtschaftsleistung kurzfristig erhöhen.
Der Staat bestellt:
Panzer.
Munition.
Fahrzeuge.
Flugzeuge.
Ausrüstung.
Menschen werden beschäftigt.
Fabriken produzieren.
Das fließt ins Bruttoinlandsprodukt ein.
Aber daraus zu schließen, Krieg schaffe Wohlstand, wäre ein fundamentaler Fehler.
Ein Panzer, der produziert und anschließend zerstört wird, erhöht zunächst die gemessene Wirtschaftsleistung.
Die Gesellschaft besitzt dadurch aber nicht automatisch mehr Wohlstand.
Im Gegenteil.
Krieg vernichtet:
Menschenleben.
Gebäude.
Infrastruktur.
Unternehmen.
Produktionskapazität.
Humankapital.
Vertrauen.
Und oft auch:
Währungen.
Genau deshalb ist Hemingways Gegenüberstellung so wirkungsvoll.
Inflation und Krieg können nominale wirtschaftliche Aktivität erzeugen.
Aber Aktivität ist nicht automatisch:
Wie schützt eine Gesellschaft Reserven vor Unsicherheit?
Interessanterweise beantworten Zentralbanken diese Frage heute anders als noch vor einigen Jahrzehnten.
Sie kaufen:
In den vergangenen vier Jahren rund:
Das ist ungefähr doppelt so viel wie im Durchschnitt des vorherigen Jahrzehnts.
Und 89 Prozent der aktuell befragten Zentralbanken erwarten weitere steigende weltweite Goldbestände.
45 Prozent wollen ihre eigenen Reserven erhöhen.
Nicht weil Zentralbanken glauben:
„Krieg kommt, also Gold kaufen.“
So simpel ist Reserveverwaltung nicht.
Gold besitzt vielmehr einige Eigenschaften, die sich von klassischen Finanzanlagen unterscheiden.
Eine Staatsanleihe ist:
eine Forderung gegen einen Staat.
Ein Bankguthaben:
eine Forderung gegen eine Bank.
Eine Unternehmensanleihe:
eine Forderung gegen ein Unternehmen.
Physisches Gold dagegen:
Das ist keine Wertung.
Es ist eine Beschreibung seiner Struktur.
Es zahlt keinen Zins.
Es verursacht Lagerkosten.
Der Preis schwankt erheblich.
Und es kann über Jahre schlechter abschneiden als Aktien oder Anleihen.
Deshalb lautet die seriöse Schlussfolgerung nicht:
Sondern:
Genau deshalb nennt man es:
Diversifikation.
Ein typischer Haushalt besitzt vielleicht:
Bankguthaben.
Lebensversicherung.
Rentenansprüche.
Anleihen.
Bargeld.
All diese Positionen werden in Geld gemessen.
Viele davon sind Zahlungsversprechen.
Das kann vollkommen sinnvoll sein.
Doch gleichzeitig stellt sich die Frage:
Genau hier kann ein physischer Vermögenswert eine andere Funktion erfüllen.
Auch das wäre ein Mythos.
Gold reagiert kurzfristig auf:
Realzinsen.
Dollar.
Liquidität.
Anlegerpositionierung.
Zentralbankpolitik.
Risikoaversion.
Und viele weitere Faktoren.
Es kann daher durchaus passieren, dass Inflation hoch ist und Gold trotzdem fällt.
Wer Gold als kurzfristigen Inflations-Trade betrachtet, kann enttäuscht werden.
Wie viel meines Vermögens möchte ich halten in:
Zahlungsversprechen?
Unternehmensbeteiligungen?
Immobilien?
Liquidität?
Und:
physischen Vermögenswerten?
Darauf gibt es keine universelle Antwort.
Aber es ist die richtige Frage.
Nicht weil ein Schriftsteller aus dem Jahr 1935 uns heute die richtige Geldanlage erklärt.
Das tut er nicht.
Sondern weil er uns an etwas erinnert, das in nominalen Zahlen schnell verloren geht:
Mehr Staatsausgaben sind nicht automatisch mehr Wohlstand.
Mehr Produktion für einen Krieg ist nicht automatisch mehr Wohlstand.
Und höhere Vermögenspreise sind nicht automatisch mehr Kaufkraft.
Was können wir produzieren?
Was können wir konsumieren?
Was besitzen wir?
Wie produktiv sind wir?
Und welche Kaufkraft bleibt von unserem Vermögen erhalten?
Vielleicht ist deshalb Hemingways Warnung nach 91 Jahren immer noch relevant.
Nicht als Anlageempfehlung.
Sondern als Erinnerung an einen fundamentalen Unterschied:
Und wer Vermögen langfristig erhalten möchte, sollte genau diesen Unterschied verstehen.
Bleiben Sie weitsichtig.
Ihr
Helge Peter Ippensen
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung sowie keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Edelmetallen oder Finanzinstrumenten dar.