
Dr. Markus Krall — geboren 1962, promovierter Volkswirt, Ex-McKinsey-Partner, ehemaliger CEO von Degussa — ist gerade überall. Sein Gespräch mit Ben Unscripted schlägt Wellen: Millionen Aufrufe, tausende Kommentare. Was steckt hinter seinen Thesen über Zombie-Unternehmen, Petrodollar und das Ende des Fiat-Geldsystems? Und was bedeutet das für den Goldpreis?
Krall spaltet die Meinungen. Für seine Anhänger ist er der mutige Analytiker, der ausspricht, was andere nur hinter vorgehaltener Hand sagen. Für seine Kritiker ist er ein Prophezier des Untergangs, dessen Timing regelmäßig scheitert. Wer hat recht? Die Antwort ist komplexer, als beide Lager wahrhaben wollen.
Krall ist kein Youtuber ohne Substanz. Seine akademische und berufliche Biografie ist beeindruckend: Studium der Volkswirtschaftslehre in Freiburg, Postgraduiertenstudium an der Universität Nagoya in Japan, Promotion 1993 über die Preisbildung am japanischen Aktienmarkt — konkret über das Kurs-Gewinn-Verhältnis und seine Aussagekraft im internationalen Vergleich.
Danach: Klassische Top-Beraterlaufbahn bei Allianz, Boston Consulting Group, Oliver Wyman (Aufbau Deutschland). Bei McKinsey wurde er Partner und leitete die Risikomanagement-Practice — konkret das Thema Kreditrisikomanagement für Banken. Laut eigener Aussage im Ben Unscripted Podcast hat er Kreditrisikosysteme für Banken entwickelt, die heute rund 80 Prozent aller deutschen Banken nutzen. Er kennt die Kennzahlen von innen.
Genau dieser tiefe Einblick in Bankbilanzen war der Ausgangspunkt für seine späteren Thesen. Sein erstes Buch erschien unter dem Pseudonym Diogenes Rent — „Diogen im Fass und Rent vom englischen Ranting" — weil er als Berater damals nicht unter Klarnamen publizieren durfte. Das zweite Buch, „Der Draghi-Crash" (2015/2017), erschien unter Klarnahmen. Von 2019 bis 2022 war er CEO von Degussa, einem der größten deutschen Edelmetallhändler. Seit 2024 lebt er in der Schweiz.
Im viral gegangenen Podcast mit Ben Unscripted erklärt Krall, wie er seine wichtigste Entdeckung machte. Als Risikomanagement-Experte, der Kreditrisikomodelle für Banken entwickelt hat, brauchte er eine statistische Grundlage: Wie viele Unternehmen gehen in einer Volkswirtschaft pro Jahr pleite?
Historisch lag dieser Wert bei ein bis zwei Prozent aller Unternehmen — eine biologische Reinigungsfunktion des Marktes, was Ökonomen als „schöpferische Zerstörung nach Schumpeter" bezeichnen. Dann begann etwas Merkwürdiges. Ab etwa 2010/2011 fiel die Insolvenzrate stetig: auf ein Prozent, auf unter ein Prozent — bis 2021 nur noch 0,1 Prozent. Die schumpetersiche kreative Zerstörung griff nicht mehr.
Die Ursache: Nullzins- und Negativzinspolitik hält Unternehmen am Leben, die ohne diese Subvention schon längst insolvent wären. Krall nennt sie Zombies — eigentlich tot, aber noch am Laufen. Und das bedeutet: Wenn jedes Jahr 1,5 Prozent mehr Zombies entstehen als ausfallen, akkumuliert eine Volkswirtschaft innerhalb weniger Jahre fünf, zehn, fünfzehn Prozent an strukturell kränklichen Unternehmen. Seit 2021 steigen die Insolvenzzahlen — genau das Muster, das Krall vorhergesagt hatte.
Im Podcast erklärt Krall, warum er die Inflationsphase 2021/22 für gefährlicher hält, als sie in der öffentlichen Wahrnehmung ankam. Die Konsumentenpreisinflation — der klassische Warenkorb aus Lebensmitteln, Mieten, Energie — erreichte rund zwölf Prozent. Bekannt, diskutiert, kritisiert.
Weniger diskutiert wurde die Produzentenpreisinflation: die Preissteigerungen, die direkt in den Produktionsgütern ankamen. Ihr Höhepunkt lag bei 47 Prozent. Das ist nicht nur ein statistischer Wert — ab einem bestimmten kritischen Schwellenwert kann laut Krall eine Volkswirtschaft ihre Wirtschaftsrechnung nicht mehr durchführen. Unternehmen, die Rohstoffe einkaufen, veredeln und weiterverkaufen, verlieren bei solchen Schwankungsbreiten die Kalkulationsgrundlage. Sie können nicht mehr wissen, zu welchem Preis sie einkaufen und verkaufen. Dann stellen sie die Produktion ein.
Das beobachtete die Welt kurzzeitig bereits im Corona-Lockdown, als globale Lieferketten zusammenbrachen und die globale Produktion zeitweise um bis zu 50 Prozent einbrach. Inflation kann dasselbe bewirken — nur schleichender.
Um Kralls Thesen zu verstehen, hilft ein Blick in die Geldgeschichte — den Krall im Podcast ausführlich erklärt. Die Geschichte des Geldes lässt sich vereinfacht so erzählen: Vom Tauschhandel zum Gold, vom Gold zum goldgedeckten Papiergeld, vom goldgedeckten Papiergeld zum reinen Versprechen.
Den besten Goldstandard gab es laut Krall um 1830: Banknoten, die vollständig durch Gold gedeckt waren. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wurde dieser Standard verwässert. 1914 — Beginn des Ersten Weltkriegs — war nur noch ein Drittel der Banknoten tatsächlich goldgedeckt. Alle kriegführenden Länder schafften die Einlösepflicht am ersten Kriegstag ab.
Das Ergebnis: Die Hyperinflation von 1923 in Deutschland. Krall erklärt die Mechanik: Reichsregierung druckte Geld für den Ruhrkampf, trotz Warnungen. Von einem normalen Inflationswert bis zu 2.400 Quadrillionen Prozent im November 1923.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf die Bretton-Woods-Konferenz (1944) ein neues System: 35 Dollar je Feinunze Gold, alle anderen Währungen fest an den Dollar gebunden. Die D-Mark startete mit 4,20 DM je Dollar. Das funktionierte — solange die USA tatsächlich über ausreichend Gold verfügten. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagerten 22.000 Tonnen Gold in den USA, nahezu das gesamte Währungsgold der Welt — verdient durch Waffenlieferungen an Briten und Sowjets, die immer mit Gold bezahlt hatten.
Dann: Korea-Krieg, Sozialprogramme, Mondlandung, Vietnam-Krieg. Das Gold floss ab. 1971 lagen noch 8.000 Tonnen in Fort Knox. Am 15. August 1971 setzte Präsident Nixon die Goldeinlösepflicht „vorübergehend" aus. Vorübergehend ist bis heute. Der US-Finanzminister formulierte es präzise: „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem."
Ein historisches Nebendetail aus dem Podcast: Deutschlands Bundesbank-Gold von heute rund 3.400 Tonnen stammt nicht — wie linke Kommentatoren manchmal behaupten — aus der Nazi-Zeit. Das Nazigold wurde 1945 von den Alliierten konfisziert. Die 3.400 Tonnen sind hart erarbeitete Handelsbilanzüberschüsse der Bundesrepublik, die unter Bretton-Woods in Gold umgetauscht wurden.
Nach 1971 brauchte der Dollar eine neue Grundlage. Die Lösung — das Petrodollar-System: Ölexportierende Länder verpflichten sich, Öl ausschließlich in Dollar zu verkaufen. Im Gegenzug erhalten sie US-Militärschutz. Für alle anderen Länder bedeutet das: Wer Öl kaufen will, braucht Dollar. Wer Dollar braucht, muss Exportüberschüsse mit den USA erwirtschaften.
Im Podcast erklärt Krall die geopolitische Gleichung: Venezuela besitzt 18 Prozent der weltweiten Ölreserven, Saudi-Arabien 15 Prozent, Iran 13 Prozent — zusammen fast die Hälfte der globalen Ölreserven. Venezuela versuchte, Öl in Yuan an China zu verkaufen. Die Konsequenz folgte zügig. Iran ist das fehlende Glied in der Petrodollar-Kette.
Kralls These: Der aktuelle Nahostkonflikt dreht sich weniger um Atomwaffen oder Israel, als vielmehr um den Petrodollar. Wer den Petrodollar kontrolliert, kontrolliert die globale Währungsordnung.
Die BRICS-Staaten — Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika — diskutieren eine eigene Handelswährung als Dollar-Alternative. Die Ausgangssituation ist klar: Russland und China wollen ihre Exportüberschüsse nicht länger in einer Währung bezahlt bekommen, die systematisch entwertet wird.
Das Problem bei einer BRICS-Papierwährung: Dann wäre es das Gleiche in Grün — der größte Überschussland (China) wäre der Verlierer. Also die Lösung: Goldgedeckte Währung. Daran arbeiten die BRICS laut Krall aktiv.
China verfolgt dabei eine Strategie, die direkt aus Sun Tzus „Kunst des Krieges" stammt: Verbirgt eure Stärke. Provoziert keinen Krieg, den ihr nicht mit 150-prozentiger Sicherheit gewinnen könnt. „Der beste Krieg ist der, den man nicht führen muss, weil der Gegner vor der eigenen Stärke kapituliert" — so erklärt Krall die chinesische Doktrin. Chinas Bruttoinlandsprodukt (kaufkraftbereinigt) wuchs von 200 Milliarden Dollar 1986 auf heute rund 40 Billionen. Mit Fleiß, Kapitalbildung und Marktwirtschaft — nicht mit Säbelrasseln.
Krall erklärt im Podcast die Mechanik der eskalierenden Zentralbankrettungen anhand der EZB-Bilanzsumme:
Die Logik: Jede Rettung pumpt doppelt so viel Liquidität ins System wie die vorherige. Diese Liquidität sucht sich Anlage — und landet zunehmend in schlechten Investitionen, weil Risikoaversion sinkt. Bei der nächsten Krise haben sich deshalb doppelt so viele Fehlinvestitionen angesammelt. Deshalb braucht die nächste Rettung doppelt so viel Geld. Kralls Prognose für die nächste große Krise: rund 8 Billionen Euro.
Corona war laut Krall im Kern keine Gesundheitskrise, sondern eine gigantische Staats- und Bankenrettung — unter dem Deckmantel der Pandemie. „4 Billionen frisch gedrucktes Geld, das wäre ohne das Narrativ politisch nie durchsetzbar gewesen."
Wer Krall fair beurteilen will, muss zwischen Timing und struktureller Richtung unterscheiden.
Was er falsch lag — im Timing: Krall prognostizierte den großen Systemcrash mehrfach für unmittelbar bevorstehende Zeiträume. 2019/2020 sollte er beginnen. Für 2021 prognostizierte er eine Hyperinflation des Euro — die kam nicht. Die Inflation stieg stark, auf zeitweise rund acht Prozent in Deutschland, aber von Hyperinflation war keine Spur.
Was er richtig lag — strukturell:
Krall selbst ist im Podcast direkter als je zuvor: „Das Problem ist nicht mehr in den Griff zu kriegen. Die Zahlen sind nicht so, dass es noch einen mathematischen Lösungsweg gäbe, ohne massive Friktion — entweder durch Inflation oder durch Deflation."
Aus einer überschuldeten Welt gibt es laut Krall nur zwei Auswege: Inflation, die Schulden entwertet — oder Deflation, die in Staatspleiten und Unternehmenspleiten endet, die Schulden dann ebenfalls bereinigt. Beides führt zum gleichen Ergebnis: Vernichtung der Schulden. Der Unterschied ist nur, wer die Kosten trägt.
Im Podcast erklärt Krall ein Problem, das vielen Deutschen nicht bewusst ist: Das deutsche Nominalvermögen — Cash, Sparbuch, Lebensversicherung, Anleihen — betrug 2020 rund 6 Billionen Euro. Nach der kumulierten Inflation 2020 bis 2025 von rund 22 Prozent liegt die Kaufkraft dieser Ersparnisse heute bei rund 4,8 Billionen Euro. 1,2 Billionen Euro Kaufkraft sind verschwunden — ohne dass jemand sie gestohlen hätte. Sie wurden umverteilt: zu den Schuldnern, zuvorderst zum Staat.
Deutsche investieren historisch in Nominalwerte, während Franzosen, Italiener, Griechen in Realvermögen (Aktien, Immobilien, Gold) investieren — weil sie gewohnt sind, dass der Staat sie enteignet. Das Ergebnis: Deutschland liegt beim Durchschnittsvermögen pro Kopf auf einem der letzten Plätze in Europa. Selbst griechische Haushalte haben im Schnitt mehr Vermögen als deutsche.
Kralls Drei-Speichen-Prinzip — je ein Drittel Aktien, Gold, Immobilien — ist keine exotische Außenseiterposition. Es entspricht dem, was viele konservative Vermögensverwalter seit Jahrzehnten empfehlen. Anleger, die einen Teil ihres Portfolios in physischem Gold oder Gold-ETFs halten, folgen damit nicht blindem Alarmismus, sondern einem robusten Diversifikationsprinzip — das Krall selbst kodifiziert hat.
Zur strukturellen Goldnachfrage durch Zentralbanken: Wie Zentralbanken den Goldpreis mit Rekordkäufen strukturell stützen.
Weil Gold das einzige weit verbreitete Zahlungsmittel ist, hinter dem keine Zentralbank steht. In Kralls Szenario — Bankenkrise, Vertrauensverlust in Zentralbanken, digitales Zentralbankgeld als Ersatz — ist Gold die einzige Vermögensform, die außerhalb des staatlich kontrollierten Finanzsystems bleibt.
Ja. Creditreform, die BIZ und die OECD haben das Phänomen überschuldeter Unternehmen unabhängig voneinander beschrieben. Dass die Insolvenzrate bis 2021 auf ein historisches Minimum fiel und seitdem wieder steigt, ist durch Statistiken belegt. Der Streitpunkt bleibt das Ausmaß.
Kralls Prognosen als Timing-Instrument zu nutzen, wäre riskant — er hat mehrfach falsch gelegen mit dem „Wann". Als strukturelles Argument für eine Goldposition liefert er aber eine der kohärentesten Begründungen im deutschsprachigen Raum: Staatsverschuldung, schwindende Kaufkraft von Nominalvermögen, zunehmender globaler Wettbewerb um die Leitwährungsrolle des Dollar. Jedes dieser Argumente spricht für Gold als strukturellen Portfoliobaustein.
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