

0,32 bis 2,03 Billionen Kubikmeter.
So groß schätzte die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 2016 die technisch gewinnbaren Schiefergasressourcen Deutschlands.
Ein erheblicher Teil davon:
unter Niedersachsen. Bundesgerichtshof
Trotzdem ist die kommerzielle Förderung dieses unkonventionellen Erdgases in Deutschland seit 2017 verboten.
Gleichzeitig importiert Deutschland Erdgas.
Und allein 2025 kamen 106 Terawattstunden LNG über deutsche Terminals ins Land.
Rund:
dieser deutschen LNG-Importe stammten aus den USA. Bundesnetzagentur
Ein Land mit erheblichen potenziellen Gasressourcen im eigenen Boden importiert also heute unter anderem Erdgas aus einem Land, dessen Gasboom maßgeblich durch Fracking ermöglicht wurde.
Wie konnte es dazu kommen?
Sie zeigt Politik, Ministerien, Wissenschaft, Industrie, Umweltverbände, Medien und Russland in einem großen Beziehungsdiagramm.
Die Botschaft:
Wissenschaftler hielten Fracking für beherrschbar.
Russland wollte seine Stellung als Gaslieferant erhalten.
Umweltverbände warnten vor Fracking.
Medien verstärkten diese Ängste.
Die Politik folgte schließlich den Gegnern.
2016/17 kam das Verbot.
Und Deutschland blieb abhängig von importiertem Gas.
Das ist eine faszinierende Geschichte.
Nur:
Deutschland besitzt tatsächlich erhebliche Schiefergasvorkommen.
Die BGR untersuchte sie jahrelang.
Für Deutschland schätzte sie die technisch gewinnbaren Ressourcen schließlich auf:
0,32 bis 2,03 Billionen Kubikmeter. Bundesgerichtshof
Damit sprechen wir nicht über eine geologische Kuriosität.
Wir sprechen über eine potenziell erhebliche Energieressource.
Genau hier wird es kompliziert.
Denn:
ist auch beim Fracking ein problematischer Satz.
Die BGR untersuchte unter anderem die Frage, ob beim Fracking Flüssigkeiten durch das Gestein bis in oberflächennahe Grundwasserschichten gelangen könnten.
Für die geologischen Verhältnisse Norddeutschlands bewertete sie diesen direkten Weg als:
extrem unwahrscheinlich. Bundesgerichtshof
Das klingt zunächst nach Entwarnung.
Aber es ist keine vollständige Risikobewertung.
Denn mögliche Probleme entstehen nicht nur tief unter der Erde.
Bohrlochintegrität.
Chemikalien.
Flowback.
Transport.
Lagerung.
Methanemissionen.
Induzierte Seismizität.
All das gehört ebenfalls zur Bewertung.
Das UBA warnte vor Risiken insbesondere für das Grundwasser und verwies auf Unsicherheiten bei Chemikalien und Abwasser.
2012 empfahlen vom UBA beauftragte Gutachter deshalb, unkonventionelles Fracking nicht großflächig einzusetzen, sondern – wenn überhaupt – schrittweise und wissenschaftlich eng begleitet vorzugehen. Umweltbundesamt
Auch später blieb das UBA skeptisch.
2023 argumentierte es, Schiefergasförderung sei weder kurzfristig notwendig noch könne sie schnell einen wesentlichen Beitrag gegen Gasmangellagen oder hohe Preise leisten; zudem passe sie langfristig nicht zu einer treibhausgasneutralen Energieversorgung. Umweltbundesamt
Damit wird eine Sache deutlich:
Es gab unterschiedliche wissenschaftliche Bewertungen von Risiken, Nutzen und Beherrschbarkeit.
Am 24. Juni 2016 stimmte der Bundestag ab.
Ergebnis:
435 Ja
109 Nein
9 Enthaltungen
Unkonventionelles Fracking wurde grundsätzlich verboten. Deutscher Bundestag
Und hier ist eine wichtige Korrektur an der Grafik notwendig.
Das Verbot war nicht einfach eine grüne Entscheidung.
Regiert wurde Deutschland von:
CDU/CSU und SPD.
Sie beschlossen das Gesetz.
Grüne und Linke verlangten sogar weitergehende Verbote. Deutscher Bundestag
Das ist wichtig, wenn man heute Verantwortlichkeiten diskutiert.
Und damit kommen wir zum eigentlich interessanten Punkt.
Deutschland entschied sich nicht gegen Erdgas.
Deutschland entschied sich gegen die Erschließung einer bestimmten heimischen Erdgasquelle.
Der Gasbedarf blieb.
Also musste Gas anderswo herkommen.
Über Jahre spielte Russland dabei eine herausragende Rolle.
Nord Stream wurde zum Symbol dieser Strategie.
Ökonomisch erschien das lange attraktiv:
große Mengen,
Pipelineinfrastruktur,
vergleichsweise günstige Versorgung.
Geopolitisch entstand damit allerdings ein Konzentrationsrisiko.
Russlands Angriff auf die Ukraine veränderte die europäische Energiearchitektur fundamental.
Deutschland musste seine Gasversorgung in kurzer Zeit diversifizieren.
LNG-Terminals entstanden.
Neue Lieferketten wurden aufgebaut.
Andere Lieferländer gewannen an Bedeutung.
Und damit entstand eine bemerkenswerte Situation.
2025 kamen über deutsche LNG-Terminals:
106 TWh Erdgas.
Das waren 10,3 Prozent aller deutschen Gasimporte.
Nach Angaben des BDEW stammten rund:
dieser LNG-Mengen aus den USA. Bundesnetzagentur
Und die USA wurden gerade durch die Erschließung unkonventioneller Öl- und Gasvorkommen zu einem der größten Energieproduzenten der Welt.
Man kann deshalb eine unangenehme Frage stellen:
Darauf gibt es keine einfache Antwort.
Denn auch Transportwege, Methanemissionen, lokale Umweltbedingungen und Produktionsstandards müssen verglichen werden.
Aber die Frage ist legitim.
Hier müssen wir sehr sauber bleiben.
Die Grafik suggeriert:
Russland wollte deutsche Konkurrenz verhindern.
Russische Medien verbreiteten negative Berichte.
Umweltgruppen griffen diese Narrative auf.
Politiker folgten.
Fracking wurde verboten.
Damit blieb Deutschland von russischem Gas abhängig.
Das wäre eine enorme Geschichte.
Natürlich hatte Gazprom ein wirtschaftliches Interesse daran, möglichst viel russisches Gas nach Deutschland zu verkaufen.
Natürlich hätte umfangreiche deutsche Gasförderung potenziell mit Importgas konkurriert.
Aber daraus folgt noch nicht:
Russland hat das deutsche Fracking-Verbot verursacht.
Für diese konkrete Kausalkette fehlt ein belastbarer Nachweis.
Und genau deshalb sollten wir sie nicht als Tatsache darstellen.
Denn ein anderes Problem ist vollständig dokumentiert:
Deutschland entschied sich für eine Energiearchitektur, die über Jahre erhebliche Importabhängigkeiten beinhaltete.
Das funktionierte, solange Lieferbeziehungen stabil waren.
Als sich die geopolitische Lage änderte, wurde aus einer günstigen Lieferbeziehung ein strategisches Risiko.
Und genau hier beginnt die größere ökonomische Geschichte.
Das gilt nicht nur für Energie.
Ein Unternehmen kann sich vollständig auf einen Lieferanten verlassen.
Ein Staat auf einen Energielieferanten.
Ein Anleger auf eine Anlageklasse.
Eine Volkswirtschaft auf eine Technologie.
Solange alles funktioniert, erscheint Diversifikation häufig ineffizient.
Denn Redundanz kostet Geld.
Alternative Lieferketten kosten Geld.
Reserven kosten Geld.
Lagerhaltung kostet Geld.
Diversifikation kann Rendite kosten.
Bis der unwahrscheinliche Fall eintritt.
Dann bekommt Redundanz plötzlich einen Preis.
Deutschland besitzt nicht zufällig eine der größten staatlichen Goldreserven der Welt.
Gold produziert keinen Strom.
Es ersetzt kein Erdgas.
Es löst keine energiepolitischen Probleme.
Aber die Logik hinter strategischen Goldreserven ist erstaunlich ähnlich.
Sondern Resilienz.
Physisches Gold ist keine Forderung gegenüber einem Schuldner.
Es benötigt keinen ausländischen Emittenten, der seine Verpflichtungen erfüllen muss.
Es besitzt keine Pipeline.
Und keinen Vertragspartner, dessen politische Interessen sich ändern können.
Dafür verursacht es Lagerkosten.
Es zahlt keine Zinsen.
Und sein Marktpreis schwankt.
Auch hier bezahlt man also für Diversifikation.
Nicht:
Fracking war richtig.
Und auch nicht:
Fracking war falsch.
Diese Entscheidung erfordert eine Abwägung von Umwelt-, Klima-, Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen.
Die wichtigere Lehre lautet:
Denn Versorgungssicherheit besitzt einen Wert.
Diversifikation besitzt einen Wert.
Und Unabhängigkeit besitzt manchmal einen Wert, der in normalen Zeiten kaum sichtbar ist.
Das gilt für Energie.
Für Lieferketten.
Für Währungen.
Und auch für Vermögen.
Die Frage ist deshalb nicht nur:
Was ist heute am billigsten?
Sondern:
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Effizienz und Resilienz.
Bleiben Sie weitsichtig.
Ihr
Helge Peter Ippensen