
10.000.000.000.000 Euro.
So viel Geld halten europäische Haushalte nach Angaben der EU-Kommission auf Bankkonten.
Zehn Billionen Euro.
Und Ursula von der Leyen findet dafür ein bemerkenswertes Wort:
Faul.
Träge.
Untätig.
Am 27. August sprach die Präsidentin der Europäischen Kommission vor französischen Unternehmern in Paris.
Ihre Botschaft war eindeutig:
Europa habe genug Ersparnisse.
Aber zu wenig davon finanziere europäische Unternehmen.
Wörtlich sagte sie auf Französisch:
„Malheureusement, cette épargne est paresseuse.“
In der offiziellen englischen Fassung wird daraus das deutlich mildere:
„those savings are sitting idle“.
Die Wortwahl ist bemerkenswert.
Aber noch interessanter ist, was danach kommt.
Von der Leyen bezifferte die privaten Bankeinlagen europäischer Haushalte auf:
Dann sagte sie sinngemäß:
Europa müsse diese Ersparnisse stärker in den Dienst seiner Unternehmen stellen.
Genau dafür soll die sogenannte:
sorgen. [Acceptance] Audiovisual Service
Hinter diesem etwas technischen Namen steckt ein großes wirtschaftspolitisches Projekt.
Europa braucht Kapital.
Für:
Digitalisierung.
KI.
Energie.
Infrastruktur.
Verteidigung.
Start-ups.
Industrie.
Transformation.
Und ein erheblicher Teil dieses Kapitals soll aus privaten Vermögen kommen.
So einfach ist es nicht.
Und genau hier werden viele Beiträge in sozialen Medien unsauber.
Derzeit gibt es keinen Beschluss, wonach private Bankeinlagen gegen den Willen ihrer Eigentümer in Aktien, Fonds oder Unternehmensfinanzierungen umgewandelt werden.
Auch eine „Zwangsinvestition“ der zehn Billionen Euro existiert nicht.
Die EU-Kommission verfolgt vielmehr einen anderen Ansatz:
Dafür sollen sogenannte Savings and Investment Accounts entstehen beziehungsweise in den Mitgliedstaaten ausgebaut werden.
Sie sollen unkomplizierten Zugang zu:
Aktien,
Anleihen,
Fonds
und anderen Kapitalmarktprodukten ermöglichen.
Die Kommission beschreibt ausdrücklich:
Und:
Von einer zwangsweisen Umleitung des Sparkontos kann deshalb keine Rede sein.
Denn natürlich möchte die EU Verhalten verändern.
Das sagt sie ganz offen.
Heute liegen große Teile des europäischen Geldvermögens auf Bankkonten.
Nach Vorstellung der Kommission soll künftig mehr davon in:
Kapitalmärkte
und damit mittelbar in:
Unternehmen
fließen.
Dafür können steuerliche Vorteile geschaffen werden.
Anlagekonten sollen einfacher werden.
Finanzbildung soll verbessert werden.
Kapitalmärkte sollen europaweit stärker zusammenwachsen.
Und bei zusätzlicher Altersvorsorge diskutiert und unterstützt die EU sogar automatische Einschreibungen mit einer Möglichkeit zum späteren Opt-out. Finance
Das ist keine Enteignung.
Aber es ist:
Und darüber darf man durchaus diskutieren.
Hier wird die Geschichte noch interessanter.
Denn volkswirtschaftlich ist die Aussage zumindest erklärungsbedürftig.
Wenn Sie 20.000 Euro auf Ihrem Bankkonto haben, liegen diese 20.000 Euro nicht zwingend als Geldscheinbündel in einem Tresor.
Ihr Konto ist bilanziell:
Für die Bank ist das Guthaben eine Verbindlichkeit.
Auf der anderen Seite ihrer Bilanz stehen Vermögenswerte:
Unternehmenskredite.
Immobilienkredite.
Wertpapiere.
Liquidität.
Das Geld ist also nicht einfach „unproduktiv“.
Der Ökonom Peter Bofinger hat genau diesen Punkt öffentlich kritisiert. Seine Argumentation:
Bankeinlagen sind Bestandteil eines bereits arbeitenden Bankfinanzierungssystems.
Sie einfach als „untätig“ zu bezeichnen, vermischt Bankfinanzierung und Kapitalmarktfinanzierung. LinkedIn
Denn Bankkredit ist nicht gleich Eigenkapital.
Ein junges Technologieunternehmen, das zehn Jahre lang möglicherweise keine Gewinne erwirtschaftet, lässt sich häufig schlecht über einen klassischen Bankkredit finanzieren.
Es braucht:
Und davon gibt es in Europa im Vergleich zu den USA deutlich weniger.
Europäische Unternehmen wechseln deshalb teilweise in die USA oder werden von außereuropäischen Investoren übernommen.
Auch Zentralbanker und internationale Institutionen sehen die Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte als Wachstumshemmnis. Bank for International Settlements
Die Diagnose ist also nicht erfunden.
Über die Therapie darf gestritten werden.
„Faules Geld.“
Selbst wenn man die ökonomische Absicht versteht, ist der Ausdruck bemerkenswert.
Denn warum liegt Geld auf einem Konto?
Vielleicht als:
Notreserve.
Hauskaufkapital.
Altersvorsorge.
Liquiditätsreserve eines Selbstständigen.
Rücklage für Ausbildung.
Oder schlicht deshalb, weil sein Eigentümer kein Kursrisiko eingehen möchte.
Aus Sicht eines Politikers mag dieses Kapital „untätig“ erscheinen.
Aus Sicht seines Eigentümers erfüllt es möglicherweise eine sehr konkrete Funktion:
Und hier treffen zwei Perspektiven aufeinander.
Die Politik fragt:
Wie finanzieren wir Europas Investitionsbedarf?
Der Bürger fragt:
Wie möchte ich mein Vermögen halten?
Beides sind legitime Fragen.
Sie sind nur nicht dasselbe.
Von der Leyen nannte in Paris auch eine konkrete Zahl.
Vorschläge zu Verbriefungen, Bank- und Versicherungsinvestitionen sowie stärker integrierten Kapitalmärkten könnten nach ihrer Darstellung:
zusätzliche Investitionen freisetzen. [Acceptance] Audiovisual Service
Damit wird klar:
Die Savings and Investments Union ist kein kleines Finanzmarktprojekt.
Es geht um die zukünftige Struktur der europäischen Kapitalversorgung.
Zunächst:
Gar nichts mit einer angeblich bevorstehenden Enteignung.
Wer daraus ableitet:
„Brüssel will das Sparkonto wegnehmen, also Gold kaufen“
verkürzt die Fakten ebenso stark wie die Behauptung, Europas Bankguthaben seien ökonomisch völlig bedeutungslos.
Der interessante Zusammenhang liegt tiefer.
Ein Bankguthaben ist eine Forderung gegenüber einer Bank.
Eine Unternehmensanleihe ist eine Forderung gegenüber einem Unternehmen.
Eine Staatsanleihe ist eine Forderung gegenüber einem Staat.
Ein Fonds ist ein rechtlich und technisch organisiertes Investmentvehikel.
All diese Vermögensformen haben sinnvolle Funktionen.
Aber sie besitzen:
Physisches Gold funktioniert anders.
Ein Goldbarren ist keine Forderung gegenüber einem Schuldner.
Er zahlt allerdings auch keine Zinsen.
Sein Preis kann stark schwanken.
Lagerung kostet Geld.
Auch Gold ist deshalb kein „besseres Geld“ für jeden Zweck.
Aber es besitzt eine andere Struktur.
Die interessante Frage lautet nicht:
Bankkonto oder Gold?
Auch nicht:
Aktien oder Gold?
Sondern:
Liquidität.
Produktivkapital.
Immobilien.
Forderungen.
Physische Vermögenswerte.
Eine robuste Vermögensstruktur kann mehrere dieser Kategorien kombinieren.
Nicht:
„faul“.
Sondern:
Denn bevor Politik darüber diskutiert, wie private Ersparnisse produktiver eingesetzt werden können, sollte ein Prinzip selbstverständlich bleiben:
Die Entscheidung über privates Vermögen liegt beim Eigentümer.
Anreize darf Politik schaffen.
Kapitalmärkte darf sie verbessern.
Finanzbildung darf sie fördern.
Aber zwischen:
„Wir machen Investieren attraktiver“
und
„Dein Geld muss arbeiten, wo wir es brauchen“
liegt ein fundamentaler Unterschied.
Bislang befindet sich die EU auf der ersten Seite dieser Grenze.
Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzusehen, wie sich die Savings and Investments Union weiterentwickelt.
Denn zehn Billionen Euro sind eine Größenordnung, bei der Sprache und politische Konstruktion nicht nebensächlich sind.
Bleiben Sie weitsichtig.
Ihr
Helge Peter Ippensen