Silber erlebt eine Phase, in der Schlagzeilen und Kursbewegungen vieles überdecken, was Anleger im Alltag tatsächlich spüren: Ob Metall verfügbar ist, zu welchen Konditionen es geliefert wird und wie „physisch“ ein Investment am Ende wirklich ist. Genau hier liegt der Silber-Irrtum. Knappheit entsteht nicht nur dort, wo der Spotpreis in Echtzeit tickt, sondern dort, wo Ware bewegt, allokiert und ausgeliefert werden muss.
Aktuell wirkt Silber wie ein Brennglas für zwei Kräfte, die selten gleichzeitig so stark sind: Sicherheitsbedürfnis und Industriehunger. Reuters berichtete zuletzt über neue Rekordstände bei Gold und Silber und nannte als Treiber unter anderem geopolitische Unsicherheit und Zinserwartungen. Gleichzeitig zeigen Spot-Anzeigen großer Edelmetallplattformen Silberpreise um die Marke von rund 100 US-Dollar je Unze, was die Wucht der Bewegung unterstreicht.
Doch selbst wenn der Preis steigt, ist das noch nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, ob Preis und physische Realität im Gleichschritt laufen. Und genau das ist häufig nicht der Fall.
In den großen Handelszentren wird Silber in Größenordnungen bewegt, die mit der physischen Welt kaum intuitiv zusammenpassen. Ein Blick nach London verdeutlicht das: Die LBMA weist für November 2025 eine durchschnittlich täglich übertragene Silbermenge von 213,3 Millionen Unzen aus. Das ist keine Minenproduktion, sondern Abwicklungs- und Buchungsvolumen im Markt – also „Bewegung“ im System.
Zum Vergleich hilft die Perspektive über das ganze Jahr: Der Silver Institute beziffert die gesamte Silbernachfrage 2024 auf 1,16 Milliarden Unzen, wobei die industrielle Nachfrage mit 680,5 Millionen Unzen ein Rekordniveau erreichte. Gleichzeitig meldete der Silver Institute für 2024 ein strukturelles Defizit von 148,9 Millionen Unzen – Nachfrage überstieg also das Angebot.
Diese Relation ist der Kern des Problems: Ein Markt kann extrem liquide wirken, obwohl er physisch eng ist. Denn Liquidität im Papierhandel ersetzt keine Barren in der Auslieferung.
| Kennzahl | Aktueller/zuletzt gemeldeter Wert | Einordnung für „Preis vs. Verfügbarkeit“ |
|---|---|---|
| Silber-Spot (Indikation) | ca. 101 US-$/oz (Stand der Anzeige) | Spot kann stark steigen, ohne dass sofort mehr Metall lieferbar wird. |
| London (LBMA) Silber-Clearing, täglicher Durchschnitt | 213,3 Mio. oz (Nov 2025) | Hohe „Papier“-Bewegung kann physische Enge überdecken. |
| Weltweite Silbernachfrage | 1,16 Mrd. oz (2024) | Jahresnachfrage als Maßstab für reale Sektorgrößen. |
| Industrielle Silbernachfrage | 680,5 Mio. oz (2024) | Industrie bindet Silber strukturell, unabhängig von Anlegerlaune. |
| Marktdefizit | 148,9 Mio. oz (2024) | Defizite erhöhen die Relevanz von Beständen, Recycling und Logistik. |
Wenn Knappheit entsteht, ist der Spotpreis oft der letzte Ort, an dem sie „sauber“ sichtbar wird. Der Spot ist eine Momentaufnahme, geprägt von Handelsströmen, Erwartungen, Absicherung und Makro-Narrativen. Die Lieferkette hingegen ist unerbittlich: Raffinerien, Barrenformate, Transport, Versicherungen, Zoll, Lagerkapazitäten und die Frage, ob Bestände wirklich frei verfügbar sind.
In Phasen hoher Nachfrage zeigt sich das typischerweise in drei Signalen: erstens in längeren Lieferzeiten für bestimmte Produkte und Stückelungen, zweitens in höheren Aufgeldern gegenüber Spot, drittens in einer stärkeren Spreizung zwischen „sofort lieferbar“ und „bestellbar“. Das sind keine spektakulären Börsenkurven, aber sie sind für Anleger oft der entscheidende Realitätscheck.
Der starke Preisanstieg, über den Reuters zuletzt berichtete, ist ein Beispiel dafür, wie schnell sich Erwartungen in den Kursen bündeln können. In solchen Phasen werden narrative Erklärungen dominanter: geopolitische Risiken, Währungsfragen, Zinspolitik. All das kann stimmen – und trotzdem bleibt die praktische Frage offen, ob ein Anleger am Ende Metall erhält oder nur ein Versprechen auf Metall.
Genau deshalb lohnt es sich, Silber konsequent aus zwei Blickwinkeln zu betrachten: als Finanzmarktpreis und als physisches Gut. Wer diese Trennung nicht macht, verwechselt Liquidität mit Verfügbarkeit.
Wer Silber als Beimischung, Wertspeicher oder Sachwert-Komponente betrachtet, sollte nicht nur auf den Chart schauen, sondern auf die „Mechanik“ dahinter. Der Silber-Irrtum beginnt dort, wo man annimmt, der offizielle Preis sei automatisch ein Gradmesser für die reale Versorgungslage. Häufig ist es umgekehrt: Erst wenn Lieferketten und Prämien sichtbar reagieren, wird Knappheit greifbar – und dann ist sie meistens schon länger im System.
Bleiben Sie weitsichtig
Ihr Helge Peter Ippensen
