

43,8 Prozent.
Dieses Ergebnis wird von der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hängen bleiben.
Die AfD hat ihren Stimmenanteil gegenüber 2021 mehr als verdoppelt und ist mit großem Abstand stärkste Kraft geworden.
Die CDU fällt gleichzeitig von 37,1 auf 17,2 Prozent.
Ein politisches Erdbeben.
Aber wer verstehen will, was sich in Sachsen-Anhalt tatsächlich verändert hat, sollte vielleicht auf eine andere Zahl schauen:
30 Prozent.
So viele Wahlberechtigte trauen inzwischen ausgerechnet der AfD am ehesten zu, die Wirtschaft voranzubringen.
2021 waren es gerade einmal 8 Prozent.
Die CDU lag damals bei 41 Prozent.
Heute: 28 Prozent.
Das könnte langfristig mindestens ebenso bedeutsam sein wie das eigentliche Wahlergebnis.
Nach Auszählung aller 2.661 Wahlbezirke ergibt sich folgendes vorläufiges Ergebnis:
AfD 43,8 %, CDU 17,2 %, SPD 9,3 %, Grüne 8,9 %, Linke 8,6 %, BSW 5,3 % und FDP 2,6 %.
Besonders bemerkenswert ist die Wahlbeteiligung.
Sie steigt von 60,3 auf 77,8 Prozent.
Das erschwert eine häufig verwendete Erklärung:
Die AfD gewann nicht einfach deshalb, weil ihre Stammwähler mobilisiert waren und andere zu Hause blieben.
Diesmal gingen erheblich mehr Menschen wählen.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – erreichte die Partei 43,8 Prozent.
Bei der Landtagswahl 2021 hatte die AfD 20,8 Prozent erreicht.
Nun sind es 43,8 Prozent.
Ein Plus von 23 Prozentpunkten.
Die CDU erlebt die spiegelbildliche Entwicklung: von 37,1 auf 17,2 Prozent.
Allerdings wäre es falsch, daraus einen einfachen direkten Wählertransfer von CDU zu AfD abzuleiten.
Wählerwanderungen sind komplexer.
Entscheidender ist etwas anderes:
Das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Parteien hat sich massiv verschoben.
Traditionell gehört Wirtschaftskompetenz zu den stärksten politischen Marken der Union.
2016 hielten in Sachsen-Anhalt noch 48 Prozent die CDU für die Partei, die die Wirtschaft am ehesten voranbringen könne.
AfD: 5 Prozent.
2021:
CDU 41 Prozent.
AfD 8 Prozent.
2026:
CDU 28 Prozent.
AfD 30 Prozent.
Innerhalb von zehn Jahren ist damit ein Kompetenzvorsprung der CDU von 43 Prozentpunkten gegenüber der AfD vollständig verschwunden.
Das ist mehr als Protest.
Zumindest in der Wahrnehmung vieler Wähler hat sich eine Partei, die früher fast ausschließlich mit Migration und Protest verbunden wurde, inzwischen auch als wirtschaftspolitische Alternative etabliert.
Ob diese zugeschriebene Kompetenz durch das konkrete Programm gedeckt ist, ist eine andere Frage.
Die ARD-Analyse weist beispielsweise darauf hin, dass manche wirtschaftspolitischen Forderungen der AfD gar nicht auf Landesebene entschieden werden können und dass ihre Migrationspolitik angesichts des Fachkräftemangels auch erhebliche wirtschaftliche Risiken bergen könnte.
Genau diese Unterscheidung ist wichtig:
Wahrgenommene Kompetenz ist nicht dasselbe wie nachgewiesene Kompetenz.
Politisch entscheidend ist sie trotzdem.
Bei der Energieversorgung schreiben inzwischen ebenfalls 30 Prozent der AfD die höchste Kompetenz zu.
Bei Arbeitsplätzen sind es 29 Prozent.
Bei sozialer Gerechtigkeit ebenfalls 29 Prozent.
Bei der Friedenssicherung 29 Prozent.
Damit lässt sich das Ergebnis nicht mehr überzeugend ausschließlich als Reaktion auf ein einziges Thema erklären.
Die Wahl zeigt vielmehr eine umfassendere Verschiebung politischen Vertrauens.
Und genau hier wird sie auch wirtschaftlich interessant.
Zunächst einmal:
Gar nichts unmittelbar.
Gold steigt nicht automatisch, weil die AfD eine Landtagswahl gewinnt.
Und aus dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt lässt sich keinerlei seriöse Goldpreisprognose ableiten.
Aber hinter beiden Themen steht eine gemeinsame ökonomische Kategorie:
Vertrauen.
Eine Währung funktioniert aufgrund von Vertrauen.
Staatsanleihen funktionieren aufgrund von Vertrauen.
Bankeinlagen funktionieren aufgrund von Vertrauen.
Und politische Systeme funktionieren ebenfalls aufgrund von Vertrauen.
Wenn Menschen überzeugt sind, dass Institutionen ihre zentralen Probleme lösen können, sind Systeme stabil.
Wenn dieses Vertrauen schwindet, suchen Menschen nach Alternativen.
Politisch geschieht das an der Wahlurne.
Beim Vermögen kann es bedeuten, stärker zu diversifizieren.
Gerade deshalb sollte man Gold nicht politisieren.
Physisches Gold ist weder links noch rechts.
Es ist weder Regierung noch Opposition.
Und es ist auch keine Wette auf den Zusammenbruch eines Staates.
Seine besondere Eigenschaft ist viel nüchterner:
Physisches Gold ist keine Forderung gegenüber einem Schuldner.
Wer eine Staatsanleihe besitzt, vertraut auf die Zahlungsfähigkeit des Staates.
Wer Geld auf einem Bankkonto hält, besitzt eine Forderung gegenüber einer Bank.
Wer eine Aktie hält, beteiligt sich an einem Unternehmen.
Gold steht außerhalb dieser Forderungskette.
Das macht es nicht automatisch zu einer besseren Anlage.
Gold zahlt keine Zinsen und keine Dividenden. Sein Preis kann erheblich schwanken. Lagerung verursacht Kosten.
Aber gerade deshalb erfüllt es innerhalb eines diversifizierten Vermögens eine andere Funktion.
Vielleicht ist deshalb die interessanteste Zahl dieser Wahl am Ende nicht einmal 43,8.
Sondern 77,8 Prozent.
So viele Wahlberechtigte haben ihre Stimme abgegeben.
2021 waren es 60,3 Prozent.
Das bedeutet:
Die politische Veränderung entstand nicht aus Apathie.
Im Gegenteil.
Sehr viele Menschen wollten diesmal ausdrücklich Einfluss nehmen.
Für Politik und Wirtschaft sollte das ein Warnsignal sein.
Denn Menschen reagieren auf Unsicherheit nicht dauerhaft passiv.
Sie verändern ihr Verhalten.
Sie verändern ihre Wahlentscheidung.
Sie verändern ihre Konsumentscheidungen.
Und irgendwann möglicherweise auch die Struktur ihres Vermögens.
Die Landtagswahl sagt uns nicht, wohin der Goldpreis geht.
Sie sagt uns auch nicht, wie Deutschland bei der nächsten Bundestagswahl abstimmen wird.
Sachsen-Anhalt ist nicht Deutschland.
Aber die Wahl dokumentiert etwas, das weit über Magdeburg hinaus relevant sein könnte:
Vertrauen kann schneller verloren gehen, als Institutionen glauben.
2016 betrug der Vorsprung der CDU vor der AfD bei der zugeschriebenen Wirtschaftskompetenz 43 Prozentpunkte.
Zehn Jahre später liegt die AfD vorne.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nach dieser Wahl nicht:
Wer regiert Sachsen-Anhalt?
Sondern:
Warum glauben immer weniger Menschen, dass diejenigen, die bisher regiert haben, ihre wirtschaftlichen Probleme noch lösen können?
Für Politik ist das eine Machtfrage.
Für Anleger ist Vertrauen eine Vermögensfrage.
Und für beide gilt:
Diversifikation beginnt, bevor Vertrauen verloren geht – nicht danach.
Bleiben Sie weitsichtig
Ihr Helge Peter Ippensen