Der Satz „Gold ist der neue Bitcoin“ taucht in diesen Wochen auffällig häufig auf. Gemeint ist meist: Gold könnte ähnlich starke Wertsteigerungen hinlegen, wie viele sie von Bitcoin aus früheren Zyklen kennen. Der Gedanke wirkt naheliegend, weil Gold tatsächlich in eine Phase eingetreten ist, in der es sich nicht mehr wie der „langsame“ Wertspeicher von früher verhält, sondern wie ein Asset mit Momentum.
Allein Mitte Januar 2026 wurde Gold in mehreren Berichten mit Kursen oberhalb von 4.600 US-Dollar je Feinunze beschrieben; Reuters meldete sogar ein Rekordhoch von 4.629,94 US-Dollar. Fortune bezifferte den Preis am 16. Januar 2026 auf rund 4.597 US-Dollar je Feinunze. Parallel notiert Bitcoin aktuell um 95.092 US-Dollar.
Das ist die perfekte Bühne für eine griffige These. Doch ob Gold „wie Bitcoin“ wird, hängt davon ab, was man genau vergleicht: Renditefantasie, Volatilität, Narrativ oder Funktion im Portfolio.
Der Begriff ist vor allem ein Stimmungsbild: Gold wird nicht mehr nur als Krisenversicherung wahrgenommen, sondern als Asset, das in kurzer Zeit deutlich zulegen kann. Reuters berichtet, dass Gold 2025 rund 64 Prozent gestiegen sei und 2026 bereits wieder über 6 Prozent im Plus lag. Solche Zahlen fühlen sich für viele Anlegerinnen und Anleger „kryptoartig“ an, weil sie in einer Größenordnung liegen, die man bei Gold lange kaum gesehen hat.
Hinzu kommt, dass ein Teil der Kapitalströme mittlerweile eher wie in Tech- oder Krypto-Märkten funktioniert: schnell, narrativgetrieben, global. 2025 verzeichneten goldgedeckte ETFs laut Reuters rekordhohe Zuflüsse von 89 Milliarden US-Dollar. Wenn ein Asset über institutionelle Produkte so stark „gekauft werden kann“, beschleunigt das Bewegungen oft deutlich.
Die Aussage „Gold ist der neue Bitcoin“ wird oft aus der Rendite heraus formuliert. Das ist verständlich, aber auch verkürzend. Denn Bitcoin ist historisch für extreme Aufwärtsphasen bekannt, die jedoch regelmäßig von tiefen Drawdowns begleitet werden. Gold kann ebenfalls stark steigen, verhält sich aber typischerweise anders: weniger sprungartig, oft stärker an Geldpolitik, Realzinsen, Dollar und geopolitische Risikoaufschläge gekoppelt.
Trotzdem lohnt ein nüchterner Blick auf die jüngsten, öffentlich berichteten Eckdaten:
| Kennzahl | Gold | Bitcoin |
|---|---|---|
| Aktueller Preis (Mitte Jan 2026, gerundet) | ca. 4.597–4.630 USD je Feinunze | ca. 95.092 USD |
| Entwicklung 2025 (in Berichten genannt) | etwa +64% | 2025 deutlich schwächer/teils negativ in Jahresrückblicken |
| Jahresstart 2026 (Berichte) | über +6% | etwa +9% YTD (Medienbericht) |
Diese Gegenüberstellung zeigt: Gold hat zuletzt ein Renditeprofil geliefert, das viele überrascht. Gleichzeitig ist Bitcoin weiterhin das volatilere Asset, dessen Bewegungen sehr stark von Regulierung, Risikoappetit und Tech-Liquidity abhängen können.
Der größte Denkfehler entsteht, wenn man aus ähnlichen Kursbewegungen auf ähnliche Mechanik schließt. Beide Assets sind knapp, global handelbar und emotional stark aufgeladen. Aber sie unterscheiden sich in Trägerschaft, Infrastruktur, Risikoquellen und Rolle im Finanzsystem.
| Dimension | Gold | Bitcoin |
|---|---|---|
| Historie und Akzeptanz | Jahrtausende als Wertspeicher, tief im Zentralbank- und Schmuckmarkt verankert | seit 2009, hohe Akzeptanz in Krypto-Ökosystemen, aber stärker politisch/regulatorisch geprägt |
| Haupttreiber | Geopolitik, Realzinsen, Dollar, Zentralbankkäufe, ETF-Flüsse | Risikoappetit, Liquidität, Regulierung, Technologie- und Netzwerkdynamik |
| Struktur der Nachfrage | Zentralbanken sind seit Jahren strukturelle Käufer | Nachfrage stärker investor-/marktgetrieben, abhängig von Börsen, Custody und Sentiment |
| Risiken | Lagerung/Versicherung, Spreads bei physischem Kauf, politische Eingriffe sind möglich | Technologierisiken, regulatorische Eingriffe, Börsen-/Custody-Risiken; Debatten um langfristige Kryptosicherheit nehmen zu |
| „Narrativ“ | Physischer, nicht-digitaler Anker in Krisen | Digitaler „Knappheits“-Wertspeicher mit starkem Innovationsnarrativ |
Gerade der Risikoteil ist wichtig, weil er erklärt, warum manche Marktstimmen Gold derzeit sogar explizit als Alternative zu Bitcoin ins Spiel bringen. Ein aktuelles Beispiel: Ein Jefferies-Stratege begründete eine Umschichtung weg von Bitcoin hin zu Gold unter anderem mit langfristigen Kryptografie-Risiken durch Quantencomputing. Das muss man nicht teilen, aber es zeigt, wie sich Narrative verschieben können.
Wenn Goldpreisbewegungen plötzlich groß werden, hat das meist mehrere gleichzeitige Ursachen. Reuters nennt als Treiber unter anderem geopolitische Spannungen sowie Erwartungen an eine lockerere US-Geldpolitik. Dazu kommt ein struktureller Unterbau: Zentralbanken bauen Reserven weiter aus, und der World Gold Council berichtet für Ende 2025/Anfang 2026 von anhaltender Kaufdynamik einzelner Notenbanken.
Das Zusammenspiel aus geopolitischem Risiko, Geldpolitik-Narrativ und massiver „Kaufbarkeit“ über ETFs erzeugt ein Momentum, das viele bislang eher von Bitcoin kannten: schnelle Kapitalrotation, starke Schlagzeilen, hohe Aufmerksamkeit.
Das ist genau die Stelle, an der die These gefährlich verkürzt. Aus jüngster Stärke folgt keine Garantie für künftige „Krypto-Renditen“. Gold kann weiter steigen, es kann aber auch konsolidieren, wenn Risiken abnehmen, Realzinsen steigen oder der Dollar dreht. Selbst Reuters weist in seiner Berichterstattung darauf hin, dass Prognosen sehr unterschiedlich ausfallen und dass Rücksetzer nach starken Bewegungen möglich sind.
Der sinnvollste Kern der Aussage ist daher nicht „Gold wird wie Bitcoin explodieren“, sondern: Gold wird aktuell von vielen Investoren wieder als strategischer Wertspeicher wahrgenommen, und zwar in einer Intensität, die wir lange nicht gesehen haben. Das erklärt, warum der Vergleich überhaupt entsteht.
Wer den Satz „Gold ist der neue Bitcoin“ hört, kann ihn als Reminder nutzen, die eigenen Annahmen zu prüfen: Geht es um Rendite, um Risiko, um Liquidität oder um Absicherung gegen politische und geldpolitische Brüche? Gold und Bitcoin können ähnliche Geschichten erzählen, aber sie tun es mit unterschiedlicher Mechanik und unterschiedlichen Risikoprofilen.
Wenn Märkte unruhig werden, ist es oft nicht die Frage „welches Asset steigt am meisten“, sondern „welches Verhalten hilft mir, ruhiger zu bleiben“. Genau deshalb bleiben Sachwerte im Gespräch – und genau deshalb wird Gold gerade wieder so emotional diskutiert.
Bleiben Sie weitsichtig
Ihr Helge Peter Ippensen
